GHG Protocol: Überblick über den Standard zur Treibhausgasbilanzierung

Verfasst von
Patrick Kölsch
Verfasst am
22. Januar 2026
Kategorien
Wissen

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) ist der weltweit am häufigsten genutzte Referenzrahmen, um Treibhausgasemissionen konsistent zu bilanzieren und zu berichten. Unternehmen und Organisationen nutzen ihn, um Emissionen nachvollziehbar zu erfassen, Vergleiche zu ermöglichen und Anforderungen aus Berichterstattung, Kundenanfragen oder Nachhaltigkeitsprogrammen zu erfüllen.

In diesem Beitrag geben wir einen strukturierten Überblick über das GHG Protocol, mit Schwerpunkt auf dem Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard, der die Bilanzierung von Emissionen entlang des Produktlebenszyklus beschreibt. Wenn Sie bereits mit Product Carbon Footprints (PCF) arbeiten oder PCF-Daten künftig skalierbar bereitstellen müssen, ist dieser Teil des GHG Protocol besonders relevant.

Was ist das GHG Protocol?

Das GHG Protocol ist ein Set international etablierter Standards und Leitlinien zur Treibhausgasbilanzierung. Es wurde vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) entwickelt und dient als gemeinsamer methodischer Rahmen, damit Emissionen nach einheitlichen Grundprinzipien erfasst, dokumentiert und berichtet werden können.

Wichtig ist die Abgrenzung: Das GHG Protocol ist kein einzelnes „Dokument“, sondern ein Standard-System aus mehreren Bausteinen. Je nachdem, ob Emissionen auf Unternehmens- oder Produktebene bilanziert werden sollen, oder ob es um Emissionen entlang der Wertschöpfungskette geht, kommen unterschiedliche Standards des GHG Protocol zum Einsatz. Diese Einordnung ist zentral, weil sie darüber entscheidet, welche Daten benötigt werden, wie Systemgrenzen gezogen werden und wie Ergebnisse kommuniziert werden können.

Zentrale Standards und Anwendungsbereiche des GHG Protocol

Das GHG Protocol besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Standards, die unterschiedliche Ebenen der Treibhausgasbilanzierung adressieren. Entscheidend ist dabei die richtige Einordnung: Nicht alle Standards stehen gleichrangig nebeneinander, sondern bauen teilweise aufeinander auf und vertiefen bestimmte Aspekte, etwa die Bilanzierung entlang der Wertschöpfungskette oder auf Produktebene.

Corporate Accounting and Reporting Standard

Der Corporate Accounting and Reporting Standard bildet die methodische Grundlage für die Treibhausgasbilanzierung auf Unternehmensebene. Er definiert die grundlegende Struktur der Emissionserfassung und ordnet Emissionen den bekannten Scopes 1, 2 und 3 zu. Ziel ist es, die Gesamtemissionen eines Unternehmens konsistent, nachvollziehbar und vergleichbar darzustellen. Dieser Standard ist insbesondere für unternehmensbezogene Berichterstattung relevant, etwa im Kontext von Nachhaltigkeitsberichten, Investorenanforderungen oder regulatorischen Offenlegungspflichten. Er beantwortet die Frage, wie hoch die Emissionen eines Unternehmens insgesamt sind, nicht jedoch, wie sich diese Emissionen auf einzelne Produkte verteilen.

Corporate Value Chain (Scope 3) Standard

Der Corporate Value Chain (Scope 3) Standard ist als Ergänzung und Vertiefung des Corporate Accounting and Reporting Standards konzipiert. Während der Corporate Standard Scope 3 auf konzeptioneller Ebene definiert, liefert der Scope-3-Standard detaillierte Leitlinien zur Identifikation, Kategorisierung, Berechnung und Berichterstattung indirekter Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Scope-3-Emissionen entstehen unter anderem durch eingekaufte Vorleistungen, Transport, Nutzung von Produkten oder deren Entsorgung. In vielen Branchen stellen sie den größten Anteil der Gesamtemissionen dar und sind gleichzeitig methodisch besonders anspruchsvoll. Der Scope-3-Standard schafft hier Klarheit, ohne die unternehmensbezogene Perspektive des Corporate Standards zu verlassen.

Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard erweitert den Ansatz des GHG Protocol auf die Produktebene. Er beschreibt, wie Treibhausgasemissionen entlang des gesamten Lebenszyklus eines Produkts bilanziert werden können, von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Nutzung bis hin zu Entsorgung oder Recycling, abhängig von der gewählten Systemgrenze. Dieser Standard ist insbesondere dann relevant, wenn Unternehmen Product Carbon Footprints (PCF) berechnen, vergleichen oder gegenüber Kunden und Partnern kommunizieren möchten. Er schafft einen konsistenten methodischen Rahmen für produktbezogene Emissionsdaten und bildet damit die Grundlage für Skalierung, Vergleichbarkeit und die spätere Weiterverwendung dieser Daten, etwa im Kontext digitaler Produktinformationen oder regulatorischer Anforderungen.

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard im Fokus

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol richtet den Blick gezielt auf die Produktebene. Während der Corporate Accounting and Reporting Standard Emissionen auf Unternehmensebene betrachtet, schafft der Product Standard die methodische Grundlage, um Treibhausgasemissionen einzelnen Produkten oder Produktgruppen zuzuordnen. Damit ist er zentral für Unternehmen, die Emissionen nicht nur aggregiert berichten, sondern produktbezogen verstehen und kommunizieren möchten.

Im Mittelpunkt steht dabei die Lebenszyklusperspektive. Emissionen werden nicht isoliert für einzelne Produktionsschritte betrachtet, sondern entlang definierter Lebenszyklusphasen eines Produkts erfasst. Dazu zählen, abhängig von der gewählten Systemgrenze, unter anderem Rohstoffgewinnung, Vorproduktion, eigene Fertigung, Nutzung sowie End-of-Life-Prozesse. Ziel ist es, Emissionen dort sichtbar zu machen, wo sie tatsächlich entstehen, und sie nachvollziehbar einem Produkt zuzuordnen.

Ziel und Anwendungsbereich des Product Standards

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard verfolgt das Ziel, vergleichbare und konsistente produktbezogene Emissionsdaten bereitzustellen. Er richtet sich an Unternehmen, die Treibhausgasemissionen einzelner Produkte berechnen, vergleichen oder gegenüber Kunden, Partnern und weiteren Stakeholdern offenlegen möchten. Typische Anwendungsfälle sind Produktvergleiche, Kundenanfragen zu Emissionswerten oder die interne Priorisierung von Reduktionsmaßnahmen.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Der Product Standard ist kein Werkzeug zur vollständigen Umweltbewertung eines Produkts. Er fokussiert sich ausschließlich auf die Klimawirkung, ausgedrückt in Treibhausgasemissionen, und bildet damit die Grundlage für Product Carbon Footprints. Andere Umweltwirkungen bleiben bewusst außerhalb des Anwendungsbereichs.

Lebenszyklusphasen und Systemgrenzen

Ein zentrales Element des Product Life Cycle Accounting and Reporting Standards ist die Definition von Systemgrenzen. Unternehmen müssen festlegen, welche Lebenszyklusphasen in die Bilanzierung einbezogen werden. Übliche Abgrenzungen sind beispielsweise cradle-to-gate oder cradle-to-grave. Diese Entscheidung hat direkten Einfluss auf Datenanforderungen, Ergebnisinterpretation und Vergleichbarkeit.

Der Standard gibt hierfür klare Leitlinien vor, lässt jedoch bewusst Spielräume zu, um unterschiedliche Produktarten und Datenverfügbarkeiten zu berücksichtigen. Entscheidend ist nicht die maximale Detailtiefe, sondern die Transparenz der Annahmen. Systemgrenzen, Datenquellen und getroffene Vereinfachungen müssen nachvollziehbar dokumentiert werden, damit Ergebnisse eingeordnet und weiterverwendet werden können. In der Praxis zeigt sich, dass der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard besonders gut für einen iterativen Einstieg geeignet ist. Unternehmen können mit begrenzten Systemgrenzen und verfügbaren Daten starten und die Bilanzierung schrittweise verfeinern, ohne den methodischen Rahmen zu verlassen.

Abgrenzung zu PCF, LCA und ISO 14067

In der Praxis werden Begriffe wie GHG Protocol, Product Carbon Footprint (PCF) und Ökobilanz (LCA) häufig vermischt oder synonym verwendet. Eine klare Abgrenzung ist jedoch entscheidend, um den Anwendungsbereich des Product Life Cycle Accounting and Reporting Standards korrekt einzuordnen und Missverständnisse zu vermeiden.

GHG Protocol Product Standard und Product Carbon Footprint

Der Product Carbon Footprint beschreibt das Ergebnis einer produktbezogenen Treibhausgasbilanzierung: die Gesamtemissionen eines Produkts entlang definierter Lebenszyklusphasen, ausgedrückt in CO₂-Äquivalenten. Der PCF ist somit kein eigenständiger Standard, sondern ein Anwendungsfall.

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol liefert den methodischen Rahmen, um einen PCF konsistent zu berechnen. Er definiert unter anderem, wie Systemgrenzen zu setzen sind, welche Emissionsquellen einzubeziehen sind und wie Ergebnisse dokumentiert werden. In diesem Zusammenspiel fungiert das GHG Protocol als Regelwerk, während der PCF das konkrete Ergebnis dieser Regelanwendung darstellt.

Abgrenzung zur Ökobilanz (LCA)

Die Ökobilanz (Life Cycle Assessment, LCA) verfolgt einen deutlich breiteren Ansatz. Sie betrachtet nicht nur die Klimawirkung eines Produkts, sondern eine Vielzahl weiterer Umweltwirkungen, etwa Ressourcenverbrauch, Versauerung oder Eutrophierung. Der PCF kann dabei als Teilmenge einer LCA verstanden werden, da er sich ausschließlich auf Treibhausgasemissionen konzentriert.

Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard ist somit kein Ersatz für eine vollständige Ökobilanz, sondern ein spezialisierter Rahmen für die Bewertung der Klimawirkung. In vielen Unternehmen wird der Product Standard daher gezielt eingesetzt, wenn konkrete Emissionskennzahlen benötigt werden, ohne eine vollständige LCA durchzuführen.

Abgrenzung zur DIN EN ISO 14067

Die DIN EN ISO 14067 ist eine internationale Norm zur Quantifizierung und Kommunikation des Carbon Footprint von Produkten. Sie definiert Anforderungen und Prinzipien für die Berechnung von PCF-Werten und legt großen Wert auf Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit.

Im Vergleich dazu verfolgt das GHG Protocol einen prinzipienbasierten Ansatz. Der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard bietet einen flexibleren Rahmen, der in vielen Organisationen als Grundlage für interne Steuerung, externe Kommunikation und Skalierung produktbezogener Emissionsdaten genutzt wird. In der Praxis ergänzen sich beide Ansätze häufig: Während ISO 14067 für formale Nachweise oder Verifizierungen eingesetzt wird, dient das GHG Protocol als übergeordneter methodischer Referenzrahmen.

Bedeutung des GHG Protocols für Unternehmen

Für Unternehmen hat das GHG Protocol vor allem eine ordnende Funktion. Es schafft einen einheitlichen methodischen Rahmen, um Treibhausgasemissionen konsistent zu erfassen, intern zu steuern und extern zu kommunizieren. Gerade in einem Umfeld zunehmender Transparenzanforderungen ist diese Vergleichbarkeit entscheidend, um Emissionsdaten belastbar einordnen zu können.

Insbesondere der Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard gewinnt an Bedeutung, weil produktbezogene Emissionsdaten zunehmend nachgefragt werden. Kunden, Geschäftspartner und regulatorische Initiativen verlangen nicht nur aggregierte Unternehmenswerte, sondern konkrete Angaben auf Produktebene. Das GHG Protocol stellt hierfür eine anerkannte Referenz dar, die es Unternehmen ermöglicht, Emissionsdaten systematisch aufzubauen und schrittweise zu skalieren.

Darüber hinaus dient das GHG Protocol häufig als methodische Basis für weitere Anforderungen. Produktbezogene Emissionsdaten, die nach dem Product Standard erhoben werden, lassen sich beispielsweise für Product Carbon Footprints, vergleichende Produktbewertungen oder digitale Produktinformationen weiterverwenden. Damit unterstützt das GHG Protocol Unternehmen dabei, Emissionsdaten nicht isoliert zu betrachten, sondern als Bestandteil einer langfristigen Daten- und Nachhaltigkeitsstrategie.

Zusammenfassung und Einordnung

Das GHG Protocol bildet den international etablierten Referenzrahmen für die Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen. Es stellt keine einzelne Norm dar, sondern ein System aus aufeinander abgestimmten Standards, die unterschiedliche Ebenen der Emissionserfassung abdecken, von der Unternehmensebene bis hin zu einzelnen Produkten.

Mit dem Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard bietet das GHG Protocol eine methodische Grundlage, um Treibhausgasemissionen entlang des Produktlebenszyklus konsistent zu erfassen. Dieser Standard ist insbesondere für Unternehmen relevant, die Product Carbon Footprints berechnen, produktbezogene Emissionsdaten vergleichen oder solche Daten strukturiert an Kunden und Partner weitergeben müssen.

Die klare Abgrenzung zu PCF, LCA und ISO 14067 zeigt, dass das GHG Protocol weniger als isoliertes Regelwerk zu verstehen ist, sondern als methodischer Rahmen, der unterschiedliche Anwendungsfälle miteinander verbindet. Unternehmen, die Emissionsdaten frühzeitig entlang dieses Rahmens aufbauen, schaffen eine belastbare Grundlage für Transparenz, Vergleichbarkeit und die Weiterverwendung von Produktdaten in zukünftigen Anforderungen.